Pro und Contra Twitterwalls

Ich war gestern bei der sehr angenehmen Social Media Week und konnte einigen spannenden Diskussionen lauschen (blöderweise saß ich selbst leicht fehlplatziert auf einem etwas zähen Panel), und wie bei vielen Konferenzen lief im Hintergrund der Bühne eine Twitterwall, also ein Live-Überblick über die mit dem korrekten Hashtag versehenen Twitter-Beiträge zum Thema.

Twitterwalls provozieren nun aber nicht nur konstruktive Beiträge, sondern auch jede Menge süffisanter, manchmal auch beleidigender Kommentare, und sie generieren gerne auch mal einen verbalen Wettbewerb der gewollten oder tatsächlichen Witzigkeiten, die nicht zwingend etwas mit dem Thema zu tun haben. Ob dies einer laufenden Debatte gut tut oder nicht, dass wird gerade auf dem Blog von Mathias Richel diskutiert, der die Twitterwalls einfach für unhöflich hält.

Ich halte manche Menschen für unhöflich, Twitterwalls aber an vielen Stellen für sinnvoll, da sie im besten Fall (und von dem wollen wir mal ausgehen) einen hervorragenden Live-Rückkanal darstellen. Dass es dabei noch viel Übung auf allen Seiten braucht, ist klar: Es irritiert Diskutanten enorm und nimmt ihnen Konzentration, wenn das Publikum mitten im Satz über einen möglicherweise zusammenhangslosen Tweet lacht, und man mag sich auch fragen, wie sehr ein Zuhörer der Diskussion folgen kann, wenn er währenddessen auf seiner Laptop- oder Handy-Tastatur tippt. Aus der Sicht eines Diskutanten ist es mir persönlich auch immer lieber, wenn sich jemand verbal einmischt, statt an eine Wand zu schreiben, doch das tut nicht jeder gerne und daher glaube ich nicht, dass man Twitterwalls bei Diskussionen komplett abschalten sollte.

Anders bei Vorträgen einzelner Redner. Hier halte ich eine Twitterwall für extrem störend und respektlos, da sich der Vortragende gewissenhaft auf ein Thema vorbereitet hat und nicht mitten in der Rede auf Tweets reagieren kann oder will – er ist die ganze Zeit auf seinen Vortrag konzentriert und ist allein, weshalb man ihm meiner Meinung nach erst einmal nur zuhören sollte (oder man verlässt halt den Saal).

Wie seht ihr das, wie waren eure Erfahrungen auf der re:publica oder anderen Konferenzen? Twitterwalls grundsätzlich ja? Grundsätzlich nein? Mal so, mal so? Oder gar moderiert?

27 Kommentare

  1. Twitterwalls sind unglaublich spannend, um neben dem gesprochenen Wort der Vorträge und Diskussionen auch Randdetails und ergänzende Informationen zu ergattern. Besonders bei verschiedenen Panels/Tracks erfährt man recht regelmäßig zusätzliche Infos aus anderen Räumen.

    NatĂĽrlich – wer sich sehr peinlich gibt und verbal vergreift, der hat darauf nichts verloren und dem sollte sein Handy/Smartphone/Laptop/Macbook entfernt werden, damit er nichts mehr zu sagen hat – oder der Accountname wird fĂĽr die Wall gesperrt. Basta. :)

  2. Ganz richtig: Bei mehreren Personen ist eine Twitterwall höflich. Oft fallen kleine Hinweise zu Websites, dann twittert jemand die passende URL, es fallen Kommentare oder wirklich ernst gemeinte Fragen.
    Ich denke, ein Hinweis vor der Veranstaltung sollte reichen: Es sind nur Beiträge, welche das Panel gewinnbringend verbessern erwünscht.

  3. Grundsätzlich bei Panel-Diskussionen ja. Moderiert wäre sinnvoll, wenigstens sollten sie fĂĽr’s Panel auch einsehbar sein, damit man reagieren kann ggfs. mitlachen kann. (Wer das nicht will, kann dann ja ausblenden). Ansonsten geht es um Diskussionen und wir sollten via Instrumentarium 2.0 natĂĽrlich mit diskutieren lassen. Kritik/Feeback direkt mittenmang der Session, halte ich fĂĽr eines der groĂźen Vorteile dieses komischen Web-Dingsdas namens 2.0.

    Twitterwalls bei Diskussionen gehören vielleicht aus dem Hintergrund gehoben. Wenn dann die unhöflichen Freude erfahren, dass gerade auf ihre Tweets nicht reagiert wird, hören die auch damit auf. So oder so kann ich mich an sehr schöne Lacher erinnern. Und Trolle gibt es auch im Supermarkt!

    Was die reinen Vorträge anbelangt, da stimme ich Dir zu. Da sollte man dem Vortragenden generell die Möglichkeit einräumen, sich alleine auf sein Thema und die persönlich Anwesenden konzentrieren zu dürfen.

    So oder so wäre es aber generell schön, wenn auf bei der re:publica von dem Auditorium den Vortragenden zugestanden wird, im Vortrag vielleicht nur Halbprofis zu sein. Für die ist es schwer genug, Menschen ein Thema nahe zu bringen, die zwar anwesend sind aber Blickkontakt nur mit dem Rechner bzw. iPhone halten.

  4. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Sammeln und die Visualisierung von Tweets zu Konferenzen auf jeden Fall sinnvoll. Es gibt einenniedrigschwelligen, von mobilen Geräten aus machbaren, schnellen Weg für Feedback, sei es im Guten oder im Negativen. Die ungefilterte Anzeige auf einer Twitterwall allerdings halte ich nicht für sinnvoll. Ich selber kenne das von letztem Jahr, dass die Twitterwall einfach mehr ablenkt als unterstützt, und dass Diffamierungen der Referenten einfach unvermeidbar sind (too many Trolls on the dancefloor).

    Sinnvoll wäre meiner Meinung nach nur eine moderierte Twitterwall, die nur ausgewählte Beiträge darstellt, aber selbst das halte ich für Vorträge ziemlich sinnlos. Gehaltvolle Fragen und Kommentare zerstören dann den Talk, weil dann eigetnlich in Quasi-Echtzeit auf die Beiträge eingegangen werden müsste.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Twitterwalls zu generellen Hashtags wie #rp10 nur in öffentlichen Bereichen, entweder projiziert oder mit nem schicken großen Flachbildschirm, bei Vorträgen eher nicht oder nur in sinnvoll aufbereiteter Form mit Moderation!

  5. Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by spreeblick: RT @republica: Twitterwalls bei Konferenzen: Ja? Nein? Im Blog der #rp10 http://bit.ly/bADS5s und bei @mathiasrichel http://bit.ly/dCKLjj...

  6. die geister die ich rief

    pro twitterwall! man muss die dinge zulassen, die man so dermaßen unterstützt. und twitter hat eben vor allem mario barth niveau und geld lässt sich damit noch immer nicht verdienen. also lassen wir die twitterer mario barth sein! ist doch witzig!

  7. Zunächst ganz wichtig: Eine „Panel“-Diskussion hat doch immer etwas „exponiertes“, also herausgehobenes. Es gibt ein „redaktionelles“ Motiv und Konzept, vom gesetzten Thema, über die geladenen Diskutanten bis zum Ablauf. Man lädt doch ganz bewusst prominente, fachkundige, meinungsstarke, polarisierende Personen auf die Bühne, weil sie Publikum ziehen und Erkenntniswerte versprechen. Um sie reden zu hören – und natürlich genau sie und nicht jemanden aus dem Publikum – sollte man diesen Part auch so inszenieren, dass man den „Exponierten“ ungestört und ablenkungsfrei zuhören kann. Eine dann bereits laufende Twitterwall wäre wie eine Einladung zum lauten Tuscheln und Flüstern, während oben im Wortsinne „hervorgehoben“ geredet wird. Schwierig.

    Damit meine ich jedoch nur, die Twitterwall erst ab einem bestimmten Punkt sichtbar zu machen (ergo: „stumm“ getwittert werden kann auch schon vorher). Ab dem Punkt nämlich, wo die Bühne – im übertragenen Sinne – abgesenkt wird auf die Augenhöhe des Publikums. (Das heisst umgekehrt, es kann auch Paneldiskussionen geben, die von Anfang an das Publikum einbeziehen, nur muss dann „oben“ das Gespräch anders inszeniert sein).

    Auch muss die Bühne – der Raum – anders inszeniert sein, denke ich. Es hat etwas unfaires, wenn das Publikum die Twitterwall-Einträge sieht, die Panelisten aber nicht (oder nur mit Verrenkungen). Andererseits dürfte es die Panelisten überfordern, sich nicht nur gegenseitig zuzuhören, sondern parallel, etwa auf Bühnenmonitoren – die Twitterfeeds zu lesen, naja, zu überfliegen.Gleichwohl muss hier irgendwie Parität zwischen Publikum und Panel hergestellt werden, glaube ich. Daher ist auch aus diesem Grunde – wie generell – von zu üppig besetzten Panels dringend abzuraten. Mehr als drei Personen neben einem Moderator, das wird nur ganz selten etwas Gutes. (Ich habe bereits viele, viele Panels moderiert).

    Aus genannten Gründen rate ich für den Einsatz einer Twitterwall, ihr Einblenden/Ausblenden und ihr livehaftiges redaktionelles Begleiten in jedem Fall zu einer gut besetzten Twitterwall-/Bühnenbild/-RedaktionsRegie. Vielleicht muss man für das Panel auch die „Plasberg-Methode“ anwenden und redaktionell ausgewählte Tweets hin und wieder direkt in die Panelrunde tragen. Hierfür muss die entsprechende Twitterwall-/Bühnen-RedaktionsRegie unter anderem auch ein feines Gespür dafür haben, welche Tweets Unruhe, Lacher, Zustimmung etc. erzeugen. Und der Ablauf muss das unbedingt vorsehen.

    Generell wĂĽrde ich Twitterwalls also – entsprechend gebändigt – durchaus befĂĽrworten, bei allen Gefahren fĂĽr ĂĽberflĂĽssiges Gezwitscher und Passagen der Nervosität („man kann ja immer noch die „so ist Live eben“-Floskel anwenden ;-) Auch jenen einen Kanal zu geben, die nicht „laut“ reden wollen (können) sowie Leute „da draussen“ indirekt teilhaben zu lassen, ist ‘ne tolle Sache fĂĽr eine Konferenz und ein Panel.

  8. Twitterwalls im öffentlichen Bereich prinzipiell ja, bei Panels mit Monitor für die Diskutanten, Moderation finde ich da nicht wirklich zielführend.
    Bei Veranstaltungen, die sehr themenlastig sind oder bei denen es nur einen Vortragenden gibt, halte ich eine Moderation für sinnvoll. Wenn jemand die Twitterwall im Auge behält und gute Punkte kurz zusammenfasst, kann das einen guten Diskussionseinstieg bieten.
    Ich könnte mir als Vortragende auch vorstellen, als Diskussionseinstieg in’s Publikum zu fragen, ob die Twitterwall was hergibt. So gesehen ist es fĂĽr mich ein zusätzliches Instrument, das ich nutzen könnte. Im Einzelvortrag möchte ich dazu jedoch nicht gezwungen sein.

  9. Man stelle sich mal vor, man geht ins Theater und neben der BĂĽhne läuft eine Twitterwall, die die Meinung des Publikums manifestiert. So’ne Konferenz ist nun kein Theater, aber es wird in den Veranstaltungen doch auf gleiche Weise klar zwischen BĂĽhne und Publikum unterschieden. Keine Interaktion hält ständiges stören durch das Publikum (das Lachen ĂĽber Tweets) aus und es ist auch nicht besonders erträglich, dass ständig die Gefahr besteht, dass ein Tweet von auĂźen ins Gespräch platzt. (Noch unerträglicher sind die Versuche, sich möglichst indirekt darĂĽber zu verständigen, ob ein konkreter Tweet in die Interaktion reingeholt werden kann oder lieber doch nicht.)

    Allerdings wählt eine Veranstaltung wie die re:publica die Form der Konferenz nur, weil keine andere Form auf weniger explizite Legitimation fĂĽr fröhliches Beisammensein angewiesen ist. In der Hinsicht ist die BĂĽhne/Publikum-Unterscheidung eh nur ein störendes Merkmal einer sowieso eigentlich nicht gewollten Kommunikationsform und dann stört die Twitterwall auch nicht – sondern unterstĂĽtzt eher noch die Fröhlichkeit des Beisammenseins.

  10. Wer kam eigentlich auf die Idee mit den Twitterwalls? Sorry, aber ich halte das für eine abwegige Idee. Gerade auf der re:publica hat man ein leicht tendenziöses Publikum, das allen Verlegern am liebsten an den Kragen will. Ich fande das letztes Jahr sehr übel.
    Mein Vorschlag: Baut die Tweets redaktionell in das Panel ein. Jemand sortiert die Tweets aus und gibt ca. alle 10 min. ein kleines Stimmungsbild wieder, dass dann auch gerne visualisiert werden kann. Ich denke auch, dass die Tweets selbst dann themenorientierter werden, weil keine Lacher mehr einkassiert werden können. Aber bitte nicht mehr so wie letztes Jahr. Das wäre für mich persönlich ein Grund die re:publica nicht zu besuchen.

  11. [...] sin­nvoll sind oder nicht: Einige Beispiel für die Diskus­sion findet man z.B. in einem Artikel zur re:publica oder auch im Blog von Math­ias Richel. Diese Liste ließe sich sicher­lich um etliche weit­ere [...]

  12. [...] Aufklärung 2.0 3 Likes TP: Piraten in den Parlamenten 2 Likes Pro und Contra Twitterwalls – re:publica 2010 Just another Re-publica.de weblog 2 Likes Konferenzen ohne Grenzen « Johannes [...]

  13. [...] alle so witzig. Johnny Häusler nimmt den Beitrag in Betracht der kommenden re:publica 2010 in deren Blog auf, versucht das Thema differenzierter zu sehen und weist auf den hervorragenden Live-Rückkanal [...]

  14. [...] sammelt beispielsweise Johnny Haeusler im re:publica-Blog Pro- und Contra-Argumente zu Twitterwalls und Hans-Jörg Schmidt, der dieses Jahr das PolitCamp 1.0 wieder organisiert, fragt auch bei [...]

  15. [...] und weit weniger polemisch als ich es in meinem Text tat, diskutiert und mittlerweile überlegen Veranstalter anderer Konferenzen, wie sie in Zukunft mit „Twitterwalls“ umgehen. Das ist großartig, aber [...]

  16. Ich werde die re:publica besuchen und ich komme bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal mit anderen Bloggerinnen in Kontakt. Ich habe erst einmal eine Veranstaltung besucht, auf der eine Twitterwall aufgebaut war, was ich als sehr störend empfunden habe. Und ich habe es ebenfalls als störend empfunden, dass ich offenbar die einzige war, die das gestört hat.

    Da man sich nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren kann – das ist per definitionem ebenso unmöglich wie es hirnphysiologisch unmöglich ist – nimmt mit der Menge der Informationsquellen notwendigerweise deren Dichte ab, vielmehr nimmt ihre Rezipierbarkeit ab. Das ist ein Zeichen der Zeit, wir haben ein Dutzend Fenster auf dem Rechner offen. Wir machen alles gleichzeitig, aber nichts vom Anfang bis zum Ende. Wir wissen oft gar nicht mehr, wo Anfang und Ende sind, da wir ja noch unübersehbar viele andere Fenster offen haben.

    Ich empfinde inzwischen eine Vielzahl Menschen als ernsthaft kommunikationsgestört. Und es sind meist gerade jene, die von sich behaupten besonders kommunikativ zu sein. Jene, die die neuesten Medien nutzen. Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, sich über mehr als fünf zusammenhängende Sätze auf ein Gespräch zu konzentrieren, die nicht wissen, was sie mit einem Buch anfangen sollen und die, wenn sie abends zu Hause sitzen, es nicht einen Abend lang ohne ihren Computer aushalten.

    Ich empfinde es bereits als eine Unverschämtheit, wenn in einem Gespräch mein Gegenüber einen Anruf bekommt und dann hemmungslos telefoniert. Eigentlich müsste mein Gesprächspartner sagen, dass er sich bereits unterhält und später zurückruft. Machen die meisten aber nicht. Das empfinde ist nicht nur fehlendes Benehmen, da steckt etwas anderes dahinter: die Unwilligkeit und die Unfähigkeit, sich auf sein Gegenüber zu konzentrieren. Uns langweilen die Menschen mit denen wir zu tun haben lange bevor wir sie überhaupt kennen gelernt haben.

    Und weil wir uns langweilen, mit den anderen und mit uns selbst – und die anderen langweilen uns vielleicht sogar nur, weil wir uns selbst langweilen – , sind wir dauernd auf der Suche nach Abwechslung und nach Neuem. Ich kenne Menschen, die haben hundert Blogs in ihrem Feedreader. Das kann keiner mehr lesen, das kann man nur noch abonnieren. Und das tun sie auch und glauben von sich, wer weiĂź wie aktuell und hip zu sein. Das sind Leute, die an tausend Gläsern und Getränken nippen, aber nicht wissen, dass Getränke einen Geschmack haben.

    Wer nach einem so langen Kommentar jetzt noch dabei ist, dem sei gesagt: ich bin gegen Twitterwalls. Ich bin für gute Gespräche. Und das schließt sich meiner Meinung nach aus. Vielleicht habe ich Unrecht. Hoffentlich! Wir werden es vom 14. bis zum 16. April erleben. Die Frage ist allerdings, ob wir dasselbe erleben.

  17. @Alea

    so individuell wie jede(r) einzelne ist, so individuell sind auch unsere beduerfnisse und kommunikativen faehigkeiten. filtern ist das zauberwort und dann kannst du auch hunderten blogs und tausenden usern bei twitter folgen. ich halte multitasking fuer durchaus machbar, wenn man sich auf das wesentliche konzentriert, bin aber absolut bei dir, wenn gespraeche durch anrufe etc. unterbrochen werden. da bekomme ich auch jedes mal nen hals.

    die twitter-wall halte ich fuer extrem wichtig um nicht nur stimmungen zu sammeln, sondern diese auch nach draussen zu tragen. lokal mag die twitter-wall direkte offline reaktionen hervorrufen, im netz habe ich jedoch die moeglichkeit diese infos entsprechend zu filtern und so parallel zu der ueblichen berichterstattung, auch sehr subjektive meinungen zu bekommen.

  18. Lieber Sascha,

    du hast sicherlich Recht, wenn du die Individualität betonst. Manchen Menschen mag das Filtern gelingen. Manche können sehr schnell Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und viele Informationen synchron aufnehmen. Ich kenne Untersuchungen, die das Gegenteil behaupten.

    Ein Witz zu Illustration: Zwei Männer sprechen miteinander. Sagt der eine „Ich habe einen Kursus in Schnelllesen gemacht und „Krieg und Frieden“ von Tolstoi in zwanzig Minuten gelesen“. Fragt der andere: „Und?“ Darauf antwortet der erste: „Es spielt in Russland.“

    Wir sind inzwischen ganz schnell dabei, Dinge zu verstehen. Als Literaturwissenschaftlerin neige ich jedoch zu der Annahme, dass „Krieg und Frieden“ noch mehr Informationen bereithält. Um an diese Informationen heranzukommen, braucht es allerdings Zeit und Muße. Ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass die Welt zu einer Welt aus Informationen verkommt. Dass alles nur noch Daten sind, die man filtern und sortieren kann und muss. Aber wenn ich einzig skeptisch wäre und gar nicht neugierig, dann hätte ich mir sicher keine Karte für die re:publica gekauft. Schön, dass wir bei der analogen Gesprächskultur einer Meinung sind. Ich freue mich auch auf die Veranstaltung, ich freue mit aufs reden und gucken. Auch wenn ich nicht alle angucke, sondern nur ausgewählte. Ich kann ja ebenfalls filtern. Und vielleicht ist das so, dass auch moderne Männer unterscheiden können zwischen 90 / 60 / 90 und den Ausmaßen und Dimensionen einer wirklichen Frau. Weil wir ja doch mehr sind als die dahingetwitterte Datenmenge.

    Herzlich
    Aléa

  19. Das sehr negative Erlebnis von Danah Boyd (Social Media Researcher beim Microsoft Research New England/Fellow beim Harvard University’s Berkman Center for Internet and Society) mit einer Twitterwall (oder: Backchannel) bei der Web2.0 Expo, dass sie im November ausfĂĽhrlich beschrieben hat, liefert gute GrĂĽnde gegen Twitterwalls:
    spectacle at Web2.0 Expo… from my perspective
    Dieser ‘Fall’ ist in der englischsprachigen Netzwelt ziemlich ausfĂĽhrlich diskutiert worden – es lohnt sich, das nachzulesen.

    Nebenbei finde ich ĂĽbrigens enorm mutig, dass sie das so detailliert aufgeschrieben hat.

    Aus meiner Sicht spricht diese Geschichte mindestens fĂĽr irgendeine Form der Moderation und sicher auch dafĂĽr, sich ĂĽber Partizipation/Interaktion bei Veranstaltungen vorher grĂĽndlich Gedanken zu machen (was ja eh offensichtlich die Absicht dieses Posts ist)

  20. Ich halte eine Moderation bei Panels fĂĽr sinnvoll. Wie oben bereits geschrieben wurde, steht hinter jedem Panel ein redaktionelles Konzept und das sollte eben auch mit den Mitteln der modernen Technik unterstĂĽtzt werden.
    Der Mehrwert einer Twitterwall liegt für mich nicht im Mitlesen irgendwelcher Meinungstweets, sondern im Mitlesen ergänzender Informationen und vertiefender Fragen. Dabei muss die Moderation jedoch auch kritische Positionen zulassen können.
    Ich selbst habe in den frĂĽhen 2000er Jahren Video-Live-Chats als Chatmoderator co-moderiert und den eigentlichen ModeratorInnen Fragen aus dem Publikum, vorselektiert und auch redigiert zur VerfĂĽgung gestellt.

    Wenn es um Vorträge geht, dann bin ich ebenfalls der oben bereits geäußerten Meinung: Keine Twitterwall während des Vortrages.
    ALLERDINGS: Wäre es nicht toll, wenn das Publikum am Ende des Vortrages, während der Frage-Antwort-Runde die Twitterwall für Fragen nutzen könnte? Ich denke, dass könnte eine regere Diskussion am Ende der Vorträge befeuern, wenn das gewollt ist. Eine Moderation halte ich hier auch für sinnvoll.

    GruĂź vom Spreeufer und bis April ;-)

  21. Optimal mag es nicht sein, aber ich danke, man könnte mit einer Mischung aus zwei Elementen arbeiten, zumindest zunächst mal als Test:

    1. Eine Twitterwall, die aber nicht im Raum gezeigt wird. Die Sprecher wĂĽrden sie auf einem kleinen Screen sehen, um sich darauf beziehen zu können. Zudem wird die Twitterwall natĂĽrlich im Netz und eventuell in den anderen Räumen gezeigt, damit sich die Teilnehmer, die’s nicht zum Panel geschafft haben, informieren können, was dort geschieht.

    2. Einen Co-Moderator/Twittervertreter, der spannende Fragen auswählt und in Abstimmung mit dem Moderator diese Fragen an das Panel stellt. Eventuell kann der Moderator selbst das ĂĽbernehmen, nach Möglichkeit sollte aber auch der Moderator nicht allzu stark von der Twitterwall abgelenkt sein…

    Das könnte man mal testen. Übersehe ich was?

  22. Johnny Haeusler

    Vielen Dank fĂĽr den Input!

    Was die Moderation einer Twitterwall angeht: Zunächst ist das natĂĽrlich zusätzlicher personeller Aufwand und eine Aufgabe, der man gewachsen sein muss – sehr schnelles Lesen und Auswerten, dabei die Debatte auf der BĂĽhne verfolgen: Kein superleichter Job. AuĂźerdem höre ich jetzt schon die “Zensur!”-Rufe, denn es wird garantiert Fälle geben, ĂĽber deren erfolgte oder nicht erfolgte Freischaltung man streiten kann. Die Rolle der Moderation ist also ganz sicher eine mindestens undankbare …

  23. zur Moderation einer Twitter-Wall: Johnny, so wie ich das verstehe, geht es dabei nur darum, die gröbsten Beleidigungen rauszufiltern, damit die Stimmung nicht in diese Richtig beeinflusst und damit verfälscht wird – das Publikum kann beeinflusst werden, sieht man z.B. bei den Standing OVations immer wieder, da stehen vorne ein paar Leute auf und dann muss auch der Rest aufstehen. Ich bin mir nicht immer sicher, ob bei einigen Veranstaltungen nicht Claqueure oder Gesinnungsgenossen diejenigen waren, die Standing Ovations “provozierten”. Aber ich schweife ab ;-)

    Eine andere Idee wäre ja noch, jemanden die Twitter-Meldungen ins Panel, in die Diskussion bringen zu lassen, die/der dann die Stimmung des twitternden Teils des Publikums vorstellt/berichtet und/oder einige Kommentare oder Fragen an die Panel-Teilnehmer/innen weiterleitet.

  24. Ich finde offen einsehbare Twitterwalls vor allem deshalb störend, weil sie das Publikum unheimlich von der aktuellen Diskussion ablenken, die sich auf der Bühne abspielt.

    Diese Erfahrung habe ich nicht nur auf der re:publica, sondern auf diversen großen Conventions erlebt. Das Publikum wird nervös, man verliert auch auf der Bühne den Faden. Die Gäste sind von der Unruhe irritiert und fühlen sich veräppelt.

    Wer gleichzeitig eine Twitterwall lesen, im Kopf filtern und dabei auch noch einer niveauvollen Diskussion kognitiv folgen kann: Respekt. Solche Leute stört es im Restaurant auch nicht, wenn im Hintergrund permanent ein Fernseher flimmert. Die meisten werden von sowas aber eher abgelenkt.

    Mein Vorschlag: Schaltet einen Vermittler (“Anwalt des Publikums” dazwischen, der filtert und sich ab und zu einschaltet (ja, das meine ich ernst. Bitte nicht lynchen). :)

    Oder das Publikum benutzt einfach Tags beim Twittern und organisiert die Sache somit selbst, ohne dass andere abgelenkt werden.

  25. Es schaut natĂĽrlich ungeheuer modern aus. Live-Kommentare aus dem Netz zu einem Vortrag/Diskussion im realen Leben.

    Es hat aber keinen großen Mehrwert. Hält man den Vortrag selbst, so müsste man direkt mit der Wall kommunizieren. Man schaut jedoch das Publikum an und im Hintergrund läuft ein völlig anderer Stream ab. Darauf stets wieder zu reagieren macht ein Panel nicht einfacher und natürlich gibt es dann noch lauter Scherzbolde, welchen man bei dieser Gelegenheit ebenfalls eine Bühne verschafft. Prinzipiell kann jeder den Hashtag nutzen um damit Müll an die Wand zu senden. Eine Moderation der Tweets fehlt oft.

    Da fände ich ein Notebook oder Bildchirm mit Wall für den Redner besser. Er kann für sich immer mal wieder einen Blick auf die Tweets werfen, aktiv zu dem Notebook gehen und dem Publikum berichten. Das macht eindeutig mehr Sinn.

    Man stelle sich einmal vor beim Bambi gäbe es eine Twitterwall und ein sehr guter Schauspieler wird für sein Lebenswerk geerht. Dann schickt ein 12 Jahre alter Junge einen dummen Tweet und kommt damit auf die Wall?

    Nicht gut.

  26. [...] und kann bei größeren Veranstaltungen zum Einsatz kommen und die ungeliebte und zu recht diskutierten Twitterwall ersetzen. Hier können Fragen per Twitter eingereicht und z.B. Nach Themen geclustert werden. [...]

  27. Also ich halte von den Twitterwalls recht wenig. Ich finde, das lenkt viel zu sehr ab. Aber hier auf dieser Seite ist wohl die Mehrheit fĂĽr die Twitterwall, so wie es aussieht. Aber Danke fĂĽr den Erfahrungsbericht hier. Fand ich gerade sehr interessant, das so zu lesen.